Taktwechsel
Von Jürgen Tetzner, Wochenspiegel
„Jeder soll das finden, was er bereit ist, finden zu wollen.“ Karl-Heinz Adler empfiehlt das. Er ist Maler und äusserte dies im Zusammenhang mit (s)einer Ausstellung, die unlängst in den Chemnitzer Kunstsammlungen einiges Aufsehen erregte, wie alle Ausstellungen, die in besagtem Haus zu sehen sind. Auch in diesen Tagen wieder! Und das Publikum strömt zu Hauf.
Unter diesem Gesichtspunkt ist manch einer geneigt, sich um die „kleinere“ Kunst ein bisschen zu sorgen. Geht denn da überhaupt noch einer hin? Die Antwort kann gemeinhin nach der Probe aufs Exempel gegeben werden, was gerade in der Vorweihnachtszeit nicht besonders schwierig ist, denn die Offerten sind reichlich. Zum Beispiel: Konzert am 03.12.04 in der Johanniskirche mit dem Kammerchor, den Solisten und der Instrumentalgruppe des Fritz-Heckert-Ensembles sowie dem Chor Taktwechsel. Klar, über das Fritz-Heckert-Ensemble muss man keine großen Worte verlieren. Die Truppe ist einfach gut: alte Schule quasi, Erfolgsgarant rundum. Aber Taktwechsel? Kein Mensch kannte das kleine 15-köpfige Ensemble. Woher auch? Die Truppe zeigte sich nämlich an besagtem Adventstag überhaupt das erste Mal in der Öffentlichkeit. Und trotzdem volles Kirchenhaus. Vielleicht war es genau das, was die Damen und Herren - Durchschnittsalter um die Dreißig - zu einer Form auflaufen ließ, die sie letztlich selbst nicht für möglich hielten. Zumindest gestand das Chormitglied Susanne Kruggel nach dem Konzert und noch ein bisschen außer Puste. Nichts anderes hatten sie gewollt als sich „vernünftig zu verkaufen“. Als sie das sagte, toste noch der Beifall (auch von den Heckert-Mitgliedern) und standing ovations gab's außerdem. Taktvoll hatte sich Taktwechsel in den Abend gesungen; frech-frisch-fromm-fröhlich-frei bewies die Truppe, was alles möglich ist, wenn man sich einmal (!) im Monat zur Probe trifft und das zeigt, was allen gemeinsam am Herzen liegt: Spaß beim und Freude am Singen.
„Herbei, o Ihr Gläubigen“ hieß das Programm der „Taktwechsler“. Aber es war beileibe kein Singen nach (vermutetem) altbekanntem kirchlich-getragenem Muster. Damit soll selbstverständlich nichts gegen andere Chöre oder Musikauffassungen gesagt sein, aber was „Taktwechsel“ bot, gefiel ausnehmend gut. So viel Pfiff, so viel Optimismus, so viel Keckheit beim Musizieren ist durchaus nicht allen Klangkörpern eigen, erst recht nicht Neulingen.
Pfarrer Bernd Frauenlob hatte als Gastgeber augenzwinkernd und schelmisch allerdings schon vor dem Konzert darauf hingewiesen, dass sich das Publikum den Beifall bis zum Schluss aufsparen möge. Sehr zu Recht, denn andernfalls wären „Heckert“ und „Taktwechsel“ schon nach ihren jeweils ersten Darbietungen im Applaus „erstickt“.
„Jeder soll das finden, was er bereit ist, finden zu wollen.“ Ich fand: Großartiger Heckert-Chor samt tollemTaktwechsel und beides zusammen viel mehr als „kleine“ Kunst in der Johanniskirche neben „großer“ in den Kunstsammlungen. Weil mich eine freundlich-kritische Person darum bat, verkneife ich mir neuerdings die dumme Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen die Vokabel „sensationell“ zu benutzen. Ich versprach es und werde zugleich wortbrüchig: Einmal Taktwechsel - immer Taktwechsel.
„Sensationell!“

